Zum insgesamt fünfzehnten Mal ermitteln morgen Abend in der ARD Kommissar Thiel (Axel Prahl) und Rechtsmediziner Prof. Dr. Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) im Münsteraner Tatort. Serienjunkies-Redakteur Christian Junklewitz hat die aktuelle Folge Tempelräuber schon vorab gesehen.Inhalt
Es hätte ein so schöne Abend sein können. Doch erst wird Professor Boerne Zeuge, wie ein Mann von einem Auto überfahren wird. Und dann, als er versucht, dem Mann zu helfen, setzt der Unfallfahrer zurück und versucht, auch noch Boerne zu überfahren, der sich gerade im letzten Augenblick noch retten kann - die Attacke aber nur mit erheblichen Blessuren, darunter zwei Unterarm-Frakturen, übersteht.
Sowohl Boerne als auch Thiel nehmen diesen Unfall, der ganz offensichtlich kein Unfall, sondern ein gezielter Mordanschlag war, sehr persönlich. Boerne, weil er ganz gegen sein Junggesellen-Naturell auf einmal auf fremde Hilfe bei den einfachsten Alltags-Verrichtungen (und natürlich auch in seinem Beruf) angewiesen ist, was sein Leben gehörig durcheinander wirbelt. Und Thiel, weil das Auto, das bei dem Mordanschlag Verwendung fand, ausgerechnet das Taxi seines Vaters (Claus D. Clausnitzer) gewesen ist, welches früher am Abend gestohlen worden war.
An zusätzlicher Brisanz gewinnt der Fall dadurch, dass das Mordopfer kein Geringerer als Ludwig Mühlenberg ist, streng konservativer Regens des Priesterseminars St. Vinzenz. Und das in Münster, wo, wie Staatsanwältin Klemm (Mechthild Großmann) besorgt ausführt, ein toter Priester so viel zählt wie zwei tote Bürgermeister oder drei tote Polizisten. Kommissar Thiel nimmt die Ermittlungen im Priesterseminar auf - während er gleichzeitig versucht, sich von dem lädierten Boerne nicht um den Verstand (und das letzte bißchen Schlaf) bringen zu lassen...
Kritik
Seit der Münster Tatort 2002 an den Start gegangen ist, sticht er markant aus der Tatort-Reihe heraus: Zum ersten Mal wagten es die Macher, die Tatort-Formel in Richtung Krimikomödie zu variieren. Nicht dass es nicht auch schon vorher im Tatort etwas zu lachen gegeben hätte: Man erinnere sich nur einmal an die fast schon Screwball-haften Auseinandersetzungen zwischen Schimanski (Götz George) und Thanner (Eberhard Feik) - von dem Moment, in dem Schimanski in Zweierlei Blut nackt im Fußballstadion aufwacht, einmal ganz zu schweigen.
Trotzdem hat der Tatort Münster etwas Besonderes geleistet, weil er es geschafft hat, die Comedy zu einem konstanten, ja konstitutiven Faktor in den Fällen von Thiel und Boerne zu machen. Von denjenigen, die eher den klassischen Tatort-Ansatz bevorzugen, wird diese Variation nicht immer geschätzt (bisweilen sogar explizit gehasst). Insbesondere das jüngere Publikum freut sich jedoch über die Abwechslung - und den nicht ganz so bierernsten und getragenen Ton mancher anderer Tatort-Folgen.
Ein wenig problematisch wird die komödiantische Ausrichtung des Münster Tatort nur dann, wenn die Macher - wie in der aktuellen Folge Tempelräuber - versuchen, ein überaus ernstes und bewegendes Thema, hier: das Schicksal von Kindern katholischer Priester, zu erzählen. Nur um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Selbstverständlich ist jedes Thema für eine Komödie gut. Nur daneben muss im Tatort ja auch noch ein Mord aufgeklärt werden. Da kann es bisweilen schon mal zu einem ziemlichen Balanceakt werden, köstlichsten Ulk und schwerstes Drama unter einen Hut zu bringen.
Doch Tempelräuber bewältigt diesen Balanceakt alles in allem sehr gut: Die Folge beginnt mit dem Schwerpunkt auf der Komödie (Boerne, der sich in der Badewanne helfen lassen muss - ein Bild für die Götter!), bevor die Folge dann in der zweiten Hälfte sich auf das Drama verlagert. So ganz gelingt es dem Film zwar nicht, diesen Bruch zu überspielen. Brillante Darsteller, eine sorgfältige Inszenierung und ein spannendes Buch, das durch einige schöne Wendungen und Kniffe zu überzeugen weiß, sorgen jedoch dafür, dass sich dieses Umschlagen vom Komischen zum Ernsten nicht negativ bemerkbar macht.
Im Gegenteil: Dadurch, dass Tempelräuber die Zuschauer nicht 90 Minuten lang in einem Tränenmeer versenkt, sondern einen zunächst sehr heiteren Grundton anschlägt, kommen auch die dramatischen Momente viel besser zur Geltung - und können ihre Wirkung auf eine wesentlich konzentriertere Weise entfalten.
Fazit
Tempelräuber ist ein sehr unterhaltsamer und sehenswerter Tatort, der gekonnt auf den Klaviaturen des Komischen wie des Tragischen spielt.
3 Kommentare| Deichkind ♥ schreibt vor 11 Monate Tatort Münster ist einfach der beste. |
| autistic schreibt vor 11 Monate Mhhh... Also ich habe entsetzt nach den ersten zehn Minuten abgeschaltet. Wie wahrscheinlich ist es, dass ein Gerichtsmediziner Zeuge eines Mordes wird? Nach diesem unsinnigen Anfang hatte ich schon keine Lust mehr. Und dann dieses ständige Overacting von JJ Liefers - da schalte ich die Kiste doch lieber aus. |
| Eisenheim schreibt vor 11 Monate Also, ich muss sagen, der Anfang ist wirklich nicht ganz so warscheinlich (Sprich das Boerne Zeuge und auch teilweise Opfer wird) aber, die Warscheinlichkeit ist vorhanden. Desweiteren fand ich den Plot sehr gut un dauch das Erzähltempo war durchweg Positiv. Auf den Täter bin ich selber erst kurz vor Schluss gekommen, was das Zuschauen noch besser machte (es gibt da einige Tatorte, in diesem Jar, bei denen ich schon nach 30-45 min den Täöter kannte). Von daher war es mal wieder ein sehr gelungener Tatort aus Münster, ich komme selber aus der näheren Umgebung und freue mich mal wieder ein paar bekannte Ecken gesehen zu haben. Mfg Eisenehm |
Christian Junklewitz veröffentlichte diese Meldung am Samstag, 24.Oktober 2009 10.00 Uhr
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