Der Blick auf die ersten Einschaltquoten der jüngst gestarteten HBO-Serie True Blood veranlasste die Fernsehkritiker zu Kommentaren wie „Schwacher Biss“ oder „Holperiger Start“. Doch nach einer Woche sah das Bild anders aus - denn DVR-Zahlen und Wiederholungen akkumulierten sich zu sehr ordentliche Zuschauerzahlen für die Episode.Für das Fernsehgeschäft in den USA sind die sogenannten „Overnights“ Zahlen, die meistens für eine Serie in die Presse gelangen, wichtig. Sie beinhalten die die Zuschauer, die eine Ausstrahlung „live“ oder noch am selben Abend via (Digitaler) Videoaufzeichnung (DVR) gesehen haben.So wurden für die erste Episode von True Blood 1,4 Millionen Zuschauer vermeldet - auch für eine Serie des Abosenders HBO eher moderate Zahlen. Insofern erklären sich die leicht bissigen obigen Kommentare der Fernsehjournalisten.
Doch gerade bei Serien im basic und premium Kabel - in dem im Gegensatz zum Networkfernsehen neue, eigenproduzierte Episoden 4-8 Mal binnen einer Woche wiederholt werden - hat es durchaus seinen Sinn, die Gesamtzahlen zu betrachten.
So kamen bei True Blood im Laufe der verschiedenen Ausstrahlungen der ersten Episode 5,4 Millionen Zuschauer zusammen - und man entschloss sich, die Serie zu verlängern. „Zu dem Zeitpunkt hatten wir die Zahlen der Wiederholungen, die Live-plus-seven Zahlen und zwei Wochen die Zahlen unseres Video on Demand Service beisammen“, so David Baldwin, Vizepräsident bei HBO für die Programmplanung.
„In den Kontext der letzten Jahre gesetzt, sind 5,4 Millionen Zuschauer in der Größenordnung von 'John Adams' oder der erfolgreichsten 'Entourage'-Staffel, als die Serie noch 'The Sopranos' als Lead-in hatte. ('True Blood' ist damit) in einer Liga mit unseren erfolgreicheren Serien“, so Baldwin weiter.
Laut HBO setzt sich die Gesamtzuschauerzahl einer True Blood-Episode etwa nach folgendem Schema zusammen: Nur 23% folgen der Erstausstrahlung, 56% schauen sich eine der Wiederholungen an, 8% schauen die Episode auf einem DVR an und 13% nutzen den Video-on-Demand Service des Senders. Durch die vielen Möglichkeiten, eine Serie zu sehen, sind für Kabelserien die Premierenzahlen nicht mehr so bedeutend.
Das sieht auch FX-Boss John Landgraf so - der sich im Gegensatz zu den Kollegen von HBO ja mit Werbekunden auseinander setzen muss. „Was wir den Werbekunden verkaufen, sind kumulierte Werte“, so Landgraf. Und fährt fort: „Mir könnte es nicht egaler sein, ob sich jemand nun 'The Shield' um 22 Uhr am Dienstag (in der Erstausstrahlung) ansieht oder in einer Wiederholung mehrere Tage später, denn was ich verkaufe, ist die Summe der Zuschauerzahlen aller Ausstrahlungen. Wenn man eine Kabelshow hat, die vier mal die Woche läuft, ist das halt Deine wöchentliche Zuschauerschaft.“
Da sich mittlerweile in 30% der amerikanischen Fernsehhaushalte DVR-Geräte befinden und diese Zahlen jetzt auch von den Werbekunden akzeptiert werden, sollte man, so Landgraf, auch die Zuschauer zählen, die sich einen Episode auf ihrem DVR anschauen. „Serien stellen sich wirklich anders dar, wenn man diese 'plus-sieben' Daten einbezieht“, erklärt Landgraf. „Für die Einschaltquoten kann das wirklich einen riesigen Unterschied machen.“
Andere Experten geben aber zu bedenken, dass die Premieren-Quoten zwar nicht alle Zuschauer erfassen, aber doch einen guten Anhaltspunkt gibt, wie eine Serie sich entwickelt. Bei True Blood kamen die zweite und dritte Episode bei der jeweils ersten Ausstrahlung auf je 400.000 Zuschauer mehr - die Serie entwickelte sich von Anfang an gut.
Andererseits erreichte die Premiere von TNTs Raising the Bar am 1. September 7,7 Millionen Zuschauer. Die Erstausstrahlungsdaten der folgenden Episoden gaben durchgängig nach, wobei die Episode vom 22. September nur noch 2,5 Millionen Zuschauer erreichte. Dieser klare Zuschauerrückgang wird auch nicht unter Einbeziehung von Wiederholungen und DVR-Zahlen ausgeglichen.
Anders die Situation für die großen fünf Broadcast-Networks. Deren veröffentlichte Zahlen müssen nicht auf Wiederholungen Rücksicht nehmen. Vielmehr kann hier ein „Overnight“-Quotenerfolg dazu führen, dass mehr Zuschauer einer Serie eine Chance geben (insbesondere insofern viele Zuschauer auf DVR aufgezeichnete Sendungen nicht schauen, wenn sie von schlechten Quoten hören).
Bernd Michael Krannich veröffentlichte diese Meldung am Mittwoch, 8.Oktober 2008 12.00 Uhr
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