Am Freitag startet um 21.15 Uhr die zweite Staffel der preisgekrönten deutschen Krimiserie KDD - Kriminaldauerdienst im ZDF. Aus diesem Anlaß sprach Serienjunkies-Redakteur Christian Junklewitz im Mainzer Sendezentrum mit Axel Laustroer, einem der beiden für die Serie verantwortlichen ZDF-Redakteure, über KDD und die Serienproduktion in Deutschland.Können Sie uns etwas über die Ursprünge von KDD erzählen? Wie kam es, dass die Serie vom ZDF aufgegriffen wurde?
Das ist auf dem ganz klassischen Weg geschehen: Die Produzentin Kathrin Breininger hat uns zusammen mit Mischa Hofmann (beide Hofmann & Voges) ein Serienkonzept mit dem Arbeitstitel „Dauerdienst angeboten. Ungewöhnlich daran war, dass es dazu schon ein fertiges Drehbuch gab, das ein Beispielbuch mitten aus einer möglichen ersten Staffel war. Dazu haben sie uns gesagt: „Lest das doch mal. Es ist ungewöhnlich, aber vielleicht trotzdem etwas fürs ZDF. Das Konzept landete dann mit 'Bitte um Prüfung' auf meinem Schreibtisch - jedoch ohne dieses Drehbuch, von dem ich zunächst nichts wusste. In dem Konzept war zum einen aufgeführt, was ein Dauerdienst, den es ja wirklich gibt, bei der Polizei macht. Zum anderen waren darin die Charakterisierungen der - damals - sechs Hauptfiguren.
So ein Konzept, das lediglich aus Charakterisierungen besteht, bekommen wir unglaublich oft. Und in fast allen mir bekannten Fällen sagt man nach der Lektüre : „Das ist ja alles gut und schön - aber zunächst mal eine reine Absichtserklärung. Wir müssten schon noch wissen, was in den einzelnen Folgen passiert ... In diesem Fall waren die Charakterisierungen der Figuren allerdings schon dermaßen großartig, dass meine Meinung war: „Es ist schon fast egal, was die in den Folgen erzählen. Man wird Lust haben, diesen Leuten zuzuschauen. Natürlich war aus dem Konzept schon ablesbar, dass es eine totale Ensembleserie werden wird. Und es stand auch schon drin, dass die privaten Entwicklungen der einzelnen Figuren sich über mehrere Folgen ziehen werden sowie dass es mehrere Fälle pro Folge geben muss. Aber das steht in vielen anderen Entwürfen auch drin. Wie gesagt: Das Konzept war bestechend allein dadurch, wie detailliert und trotzdem bereits in diesem Stadium emotional die Figuren beschrieben wurden. Es waren nur etwa ein bis zwei DIN A4-Seiten pro Figur, aber die Charaktere lebten trotzdem schon. Kurze Zeit später tauchte dann auch noch dieses Drehbuch auf...
Sie haben gezielt danach gefragt?
Nein, ich habe zunächst meine Einschätzung des Konzepts aufgeschrieben und meinem Chef vorgelegt, wie das der übliche Weg ist. Und mein Chef, Klaus Bassiner, ist als Hauptredaktionsleiter in häufigerem Kontakt mit dem Programmdirektor, Thomas Bellut. Beide sagten: Das ist ja gut und schön - aber es ist halt noch ein Krimi, und das ZDF hat eigentlich genug Krimis. Dann fand sich aber irgendwie dieses Buch. Ich habe es gelesen - und es war das mit Abstand Beste, was ich jemals als Drehbuch angeboten bekommen habe. Diese eine Folge spielte ausschließlich auf der Wache und es waren nochmal acht Plots mehr drin, als wir heute bei KDD erzählen. Es war Emergency Room im Polizeirevier - Tür auf, Tür zu, rechts wird gekotzt, links wird geschrieen, hinten macht einer eine Liebeserklärung usw. Und es war brillant, so dass ich geschrieben habe: „Leute, so was muss man eigentlich machen. Das ist Fernsehen auf der Höhe der Zeit. Ich habe aber auch zu bedenken gegeben, dass man davon ausgehen muss, dass es im ZDF nicht der große Quotenerfolg wird, weil es eigentlich nichts mit den Serien zu tun hat, für die das ZDF sonst steht.
Irgendwann haben dann aber auch Klaus Bassiner und Thomas Bellut das Buch gelesen - und verschlungen. Danach war klar: Wir machen das.
Die Einschaltquoten von KDD sind im Laufe der ersten Staffel - leider - gesunken. Trotzdem hat das ZDF bereits vor dem Start von Staffel 2 die Produktion einer dritten Staffel beschlossen. Wie kommt das?
Das ZDF ist natürlich stolz auf das, was bei KDD herausgekommen ist. Aber wir wären naiv gewesen, wenn wir da auf den Hammererfolg gewartet hätten. Von daher waren die Quotenerwartungen nicht ganz so hoch gesteckt. Wir sind mit 15 Prozent gestartet und sind dann tatsächlich Woche für Woche ein bißchen schlechter geworden. Im Querschnitt war es jedoch nicht so desaströs wie bei anderen Programmen. Allerdings, das sage ich ganz ehrlich, auch nicht ganz so gut, wie ich mir das gewünscht hätte. Aber besser kann's ja immer noch werden.
Von Serien mit fortlaufender Handlung - allen voran „24 - sagt man ja gerne, dass es sich dabei eigentlich um DVD-Serien handelt. Ich selbst habe KDD auch erst als DVD gesehen. Ist KDD eine DVD-Serie?
Also ich kann jeden gut verstehen, der auf die DVD-Box wartet, weil man dann nicht eine Woche fiebern muss, um die Auflösung des Cliffs zu erfahren. Ich freue mich natürlich trotzdem mehr über jeden, der das tut... Man kann ja schließlich auch nicht davon ausgehen, dass es eine DVD-Box geben wird ...
Hat es über die Cliff-Erzählweise bei Ihnen im Haus Diskussionen gegeben? Serials sind ja zumindest in Deutschland in der Prime Time mittlerweile eher unüblich...
Medienforschungsstudien belegen, dass der heavy user von ZDF-Serien jede dritte Folge einer Serie sieht. (Pause) Das ist ein Problem bei durcherzählten Serien. Deswegen hat es sich so eingebürgert, dass wir meistens abgeschlossene Geschichten erzählen - egal ob im Forsthaus Falkenau, beim Landarzt oder bei der SOKO 5113. Wenn überhaupt übergreifend erzählt wird, dann macht man das auf den privaten Schienen. Aber auch nicht zu schnell, damit jemand, der nur jede dritte Folge schaut, es noch schafft reinzukommen.
Bei KDD mit diesem siebenköpfigen Ensemble wäre das vollkommen absurd gewesen. Sieben Handlungsstränge so zu erzählen, dass man auch zwei Folgen aussetzen kann, ist unmöglich. Die Diskussion hat sich bei KDD von Anfang an nicht gestellt, weil wir gesagt haben: „Wir entscheiden uns dafür, 'ER im Polizeirevier' zu machen - dieser Begriff ist auch gefallen - und dann machen wir das jetzt auch. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass mein Kollege Klaus Bassiner und ich nicht zwischendurch Nachfragen von verschiedenen Seiten bekommen haben, ob man das nicht doch noch episodisch erzählen könnte. Und unsere Antwort lautete schlicht und ergreifend „Nein. Natürlich könnten wir aus KDD eine SOKO machen. Das würde theoretisch gehen. Aber wozu? Wir haben genug SOKOs... und zu wenig KDDs.
Welche Rolle hat „Abschnitt 40 auf RTL für die Entwicklung von KDD gespielt? Hat es Sie nicht doch gewurmt, dass ausgerechnet die private Konkurrenz für eine solche Qualitätsserie gefeiert wird - und drei Mal den Deutschen Fernsehpreis gewinnt?
Abschnitt 40 hat den Preis zurecht bekommen. Natürlich macht man sich bei jedem Programm, das man anfängt, irgendwann den Gedanken: „Mensch, wär schon schön, wenn es dafür einen Preis gäbe. Aber das ist für mich/für uns nicht der Grund gewesen, warum wir KDD gemacht haben.
Aber ist es nicht doch so, dass Sie mit KDD jetzt diese eine Prestigeserie im Programm haben, hinter der sich andere, von Kritikern vielfach verschmähte Formate wie die Telenovela ganz gut verstecken lassen?
(lacht) Wir schauen natürlich überall sehr genau hin, egal ob es die 15. Folge von KDD ist oder die 400. Folge von SOKO 5113, mit deren Produktion ich nächste Woche beginne. Ich lese ein SOKO-Buch genauso oft, wenn nicht häufiger als ein KDD-Buch. Es wäre absurd, etwas daraufhin zu produzieren, um die Gemüter der Kritiker und der Gebührenzahler beruhigen zu wollen. Wie man es auch macht, man macht es da nämlich falsch. Für mich kann ich sagen, dass ich KDD nicht darauf angelegt habe. Klar, freut man sich, wenn KDD den Grimme-Preis bekommt - oder beim New York Festival die Bronze World Medal in der Kategorie Drama erhält, aber das hat nichts mit der Herangehensweise an die Arbeit zu tun.
Meine ganz persönlich Meinung dazu ist: Die Gebühren werden von allen Zuschauern bezahlt. Und somit sollten auch all die verschiedenen Sehbedürfnisse von Zuschauern, solange sie in unserem Programmauftrag erfüllbar sind, auch befriedigt werden. Aber das Sehbedürfnis, auf das KDD mit seiner Erzählweise antwortet, ist im ZDF schon lange nicht mehr befriedigt worden. Ich freue mich, dass es jetzt wieder befriedigt wird. Und wenn es dafür dann auch noch Preise gibt, umso schöner.
Seit einigen Jahren steht die Forderung im Raum, auch in Deutschland Serien nach amerikanischer Art mit einem Showrunner zu produzieren. Wie steht das ZDF dazu? Orkun Ertener, der Autor von KDD, ist gleichzeitig der Head Writer. Ist er auch der Showrunner?
Die Rufe nach dem Showrunner sind häufig und laut und verklingen nach erfolglosen Versuchen genauso unerhört wie die Rufe nach dem Writers' Room, nach dem Writer-Producer, Producer-Writer und was auch immer. Ich glaube, man kann das amerikanische System nicht so ohne weiteres nach Deutschland übertragen. Wir haben hier andere Produktionsbedingungen und wir haben nicht annähernd das Studiosystem, das die Amerikaner haben. Der Showrunner bekommt vereinfacht gesagt das GO vom Sender, ein bestimmtes Programm zu produzieren. Das macht er dann und der Sendervertreter bekommt dann irgendwann zur Abnahme das Sendeband in die Hand gedrückt und hat in der Zwischenzeit nicht mehr wirklich etwas mit dem Programm oder dessen Entwicklung oder der Produktion zu tun. Das gibt es so in Deutschland - abgesehen von den Daily-Formaten - nicht. Und wird es m.E. auch nicht geben.
Ich denke schon, dass wir bei KDD eine Art von Showrunner haben. Allerdings in zwei Personen: Orkun Ertener, der Autor, auf der einen Seite, Kathrin Breininger, die Produzentin, auf der anderen. Beide haben sehr lange - zwischen vier und fünf Jahre - an dem Konzept und an dem Beispielbuch gearbeitet, bevor uns das Ganze überhaupt angeboten wurde. Die Serie wird, das ist keine Frage, schon sehr stark von den beiden geprägt. Dann kommt aber auch noch der Sender dazu. In diesem Fall in Person von Klaus Bassiner und mir, die dann sagen: „Das liest sich ganz fantastisch, was Ihr da geschrieben habt. Aber .... Und dann diskutieren wir gemeinsam über den Charakter der Figur, über die Glaubwürdigkeit von Handlungsweisen, über einzelne crime-plots, die vielleicht eine Doublette zu einer anderen aktuellen Produktion darstellen. Dann sucht man einen neuen Fall. Und bei einer Serie wie KDD hat man dann schon ein echtes Problem, wenn die Ereignisse aus diesem einen Fall Konsequenzen für die nächsten sechs Folgen haben.
Orkun Ertener ist einer der besten Autoren sowie Kathrin Breininger eine der besten Produzentinnen ist, mit denen ich überhaupt jemals zusammenarbeiten durfte. Aus zeitlichen Gründen hat Orkun bei der zweiten Staffel jedoch nur ganz am Anfang etwas mitarbeiten können - und ist dann als Autor erst wieder bei den letzten drei, vier Folgen dazugekommen. Die anderen Folgen sind jedoch trotzdem so geworden, dass man den Unterschied kaum merkt. Soll heißen: Ich glaube, wenn das Team im Hintergrund - also Autoren, Produzenten und Redakteure - sehr genau wissen, was sie tun und an einem Strang ziehen, dann ist das so eine Art Showrunner-Prinzip, aber vollkommen anders als in den USA.
Aber ist es nicht so gewesen, dass früher auch deutsche Serien sehr viel stärker von einer Autorenpersönlichkeit (z.B. Menge, Lichtenfeld, Stromberger) geprägt worden sind?
Früher hatten Sie aber auch drei Jahre Zeit, von der ersten Staffel auf die zweite Staffel zu warten, weil es nicht die gleiche Konkurrenz wie heute gab. Ob ich jetzt ein oder zwei Jahre auf die nächste Staffel der Drombuschs gewartet habe, spielte da keine Rolle, denn an den Drombuschs kam ich ohnehin nicht vorbei. Das ist heute anders. Es wird schneller produziert. Es wird mehr produziert. Wir stehen in einer völlig anderen Konkurrenzsituation.
Wie ist das vom Finanziellen her? Macht es einen Unterschied, ob ich mit einem festen Autor oder mit vielen Freelancern arbeite?
Nein, keinen großen. Ich betreue auch die SOKO 5113, die 20 Folgen pro Jahr hat, die von verschiedenen Autoren geschrieben werden. Wenn ich die 20 Folgen von einem Autor schreiben lassen würde, dann müssten wir auf die nächste Staffel drei Jahre warten. Hinzu kommt, dass bei einem System mit mehreren Autoren auch Nachwuchsautoren ganz anders gefördert und ausgebildet werden können. Plus: Die Erteners, Lichtenfelds und Strombergers fallen auch nicht vom Himmel. Leider...
In Teil 2 des Interviews, das morgen an dieser Stelle erscheint, sprechen wir mit Axel Laustroer u.a. über Serienadaptionen, die neuen Formate des ZDF und darüber, was eine SOKO zur SOKO macht.
Update: http://www.serienjunkies.de/news/kdd-interview-18144.htmlKDD: Interview mit Axel Laustroer (Teil 2)
Christian Junklewitz veröffentlichte diese Meldung am Mittwoch, 30.April 2008 12.00 Uhr
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